Wie lässt sich aber das Verhältnis zwischen Individuum
und Masse beschreiben und darstellen, ohne in Stereotypen
zu verfallen? Ursula Groser wählt als Strategie
hierfür das Pendeln zwischen Mikro- und Makroebenen,
zwischen dem, was nur diskret, sozusagen unter dem
Mikroskop sichtbar wird, und der Ebene gesellschaftlicher
Prozesse. Die Mikroebene – die Welt qua Organisationsform
vorprogrammierter Zellen - ist auf Grund
ihres vordeterminierten Zustands per se von politisch
neutraler Valenz und daher bestens dazu geeignet, Zustände
und Vorgänge der Makroebene modellhaft kritisch
zu beleuchten, ohne einem belehrenden Gestus
zu verfallen. In der Wandinstallation Netzhaut von 2009
etwa begegnet man einer zellenartigen, im Wachstum
begriffenen Struktur, die einerseits an Bilder organischer
Zellen erinnert, sich aber gleichzeitig selbst als Bild eines
Netzwerks konstituiert, in dem Knotenpunkte und Linien
ein unter Spannung befindliches membranartiges Beziehungsgeflecht
versinnbildlichen. Man kann das Bild als
Abstraktion begreifen, aber auch als Repräsentation von
Individuen (Knotenpunkte, Nägel) und ihrer kohäsiven
Kräfte zueinander (Strumpfmaterial), die die Masse formen.
Das Ornament der Masse wird zum Ornament des
Netzwerks, zur piktogrammartigen Repräsentation der
Kräfte, Ordnungen und Spannungen zwischen Entitäten.
Dieses piktogrammartige Ornament ist bei Groser nicht
rein visuell-symbolischer Natur sondern raumgreifend,
vergrößert und an die Maße des Menschen angepasst,
so dass eine körperliche Erfahrung des Netzwerks möglich
wird. Die Rauminstallation In Reih und Glied aus
dem Jahr 2005 veranschaulichte ebenfalls beispielhaft
die Intentionen der Künstlerin, die Mikro- mit der Makroebene
so miteinander zu verbinden, dass eine subtile
Kritik am „gleichgeschaltenen“ Zustand der Gesellschaft
sichtbar wird.
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Andrei Siclodi